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EUROPESE GEMEENSCHAP
Eurpees Fonds voor regionale ontwikkeling

'Bewoner machen die stadt'
 

Erste Europäische Bewohneruniversität in Den Haag
Daniela Wullers, R4R-Europe

Aktive Bewohner sind unentbehrlich bei der Verbesserung der Lebensqualität in Problemgebieten. Unter dem Motto „Residents make the city" fand vom 6. bis 9. Oktober 2004 in Den Haag ein internationaler Bewohnerkongress statt. Ca. 180 Bewohner aus sechs europäischen Ländern tauschten untereinander Erfahrungen aus, besuchten erfolgreiche Bewohnerprojekte und diskutierten über Fragen der Stadterneuerung. An einem Tag ließen sie Fachleute daran teilhaben.

Überall in Europa stagniert die Stadterneuerung. Gründe dafür gibt es viele, seien es unendlose Prozesse im Regeldickicht, fehlende Verantwortliche und Entscheidungsträger oder Uneinigkeit über die Finanzierung von Projekten. Während sich Stadtverwaltung, Wohnungsbaugesellschaften, Planer, Städtebauer und andere Fachleute über Probleme beugen und nach Lösungen suchen, steht die Vitalität großer europäischer Städte zunehmend unter Druck und die Lebensqualität in bestimmten Gebieten verschlechtert sich weiter.

Bewohner spielen eine wesentliche Rolle, um diesem Trend entgegen zu steuern. R4R-Europe (Residents for Regeneration Europe) hat eine Resident University organisiert, um aktiven Bewohnern eine Plattform zu bieten sich gegenseitig auszutauschen, von einander zu lernen und auch Fachleute an diesem Wissens- und Erfahrungsaustausch teilhaben zu lassen. R4R-Europe ist ein Netzwerk von Bewohnern und Bewohnerorganisationen unterschiedlicher europäischer Städte, die sich aktiv für die Lebensqualität in ihren Quartieren einsetzen. Es sind Menschen, deren Engagement und Verbundenheit weiter reichen als bis an die eigene Haustür. Sie setzen sich für ihr Quartier ein, indem die Projekte initiieren oder das Gespräch mit der Stadt, Vermietern und anderen Akteuren suchen. Es sind Bewohner, die Kontakt zu anderen aktiven Bewohner suchen. Sie sind offen für neue Ideen und Erfahrungen anderer und wollen ihre eigenen Erfahrungen mit anderen teilen. Die Idee von R4R stammt ursprünglich aus dem Quartier Balsall Heath in Birmingham, Großbritannien. Unter der Leitung von Dick Atkinson entstand ein Netzwerk englischer Städte, worin Bewohner sich gegenseitig in Fragen der Stadterneuerung und Verbesserung der Lebensqualität in ihren Quartiere beraten. Inspiriert durch eine Reise nach Birmingham gründeten im Februar 2002 Bewohner aus Den Haag ein niederländisches Äquivalent, R4R-Nederland. R4R-Nederland gehören mittlerweile 12 niederländische Quartiere an. Inzwischen ist das Netzwerk über die Grenzen hinaus nach Belgien, Dänemark, Deutschland, England und Italien gewachsen. Im Sommer 2003 wurde R4R-Europe gegründet. Die teilnehmenden Bewohner und Bewohnerorganisationen sind in diverse Aktivitäten involviert:

Beratung: Bewohner mit Erfahrung in Stadterneuerungsfragen beraten Bewohner(organisationen) anderer Quartiere und Städte.
Inspiration: Durch wechselseitige Treffen und dem Besuch von erfolgreichen Projekten und Initiativen
Kommunikation: Kontakte zwischen unterschiedlichen Menschen werden stimuliert und Netzwerke entstehen.
Austausch: Erfolgreiche Erfahrungen werden dokumentiert und für andere Bewohner und Fachleute zur Verfügung gestellt.

Nachdem in den vergangenen Jahren ein intensiver Austausch zwischen verschiedenen Bewohnergruppen statt fand, sollte die Bewohneruniversität einer größeren Anzahl von Bewohnern die Möglichkeit bieten an diesem Wissens- und Erfahrungsaustausch teilnehmen zu können. Sie sollte aber auch Fachleiten die Gelegenheit geben, von den Erfahrungen der Bewohner zu lernen.

Das Programm der Bewohneruniversität ließ viel Raum für einen gegenseitigen Austausch. Der informelle Beginn mit einem gemeinsamen Abendessen ließ vor allem die von vielen befürchtete Sprachbarriere sinken. Auch in den darauffolgenden Tagen zeigte sich, dass Englisch als gewählte Konferenzsprache keine unüberwindbare Hürde war. Die informelle Atmosphäre und die Erkenntnis, dass sich Bewohner in anderen Städten und Ländern in ähnlichen Lebenssituationen befinden und ähnliche Probleme haben, waren dafür ausschlaggebend. Von den Bewohnern wurde vor allem der durchgängig stattfindende Bewohnermarkt begrüßt, auf dem sie Projekte präsentieren und andere Initiativen kennen lernen konnten. Exkursionen zu unterschiedlichen Projekten in Den Haag und der Region waren ein wesentlicher Bestandteil der Bewohneruniversität. Sie waren eine ideale Form um einerseits inspirierende, durch Bewohner getragene Projekte zu besuchen und gleichzeitig in informeller Umgebung ins Gespräch mit anderen Bewohnern, aber auch mit Fachleuten zu kommen.
Gestärkt durch zwei Tage des gegenseitigen Kennenlernen, des Austauschs und der Inspiration traten die Bewohner am dritten Konferenztag die Begegnung mit ca. 100 Fachleuten an. Nach der offiziellen Eröffnung durch die niederländische Ministerin Dekker für Wohnungswesen, wurde in fünf verschiedenen Workshops über die Themen „Netzwerkende Bewohner", „Kooperation mit Fachleuten", „Taktiken", „Resident-led Neighbourhoodmanagement" und „das Quartier als Erzieher" diskutiert. Auch an diesem Tag boten Exkursionen Möglichkeit zum informellen Austausch. Der Kontakt zwischen den Bewohnern und den Fachleuten war teilweise sehr intensiv und von heftigen Diskussionen, aber auch von informellen Gesprächen geprägt.

Welche Folgen hat die Bewohneruniversität und der Aspekt, dass Bürger unterschiedlicher Quartiere, Städte und Länder sich untereinander vernetzen? Unter den Bewohnern hat die Bewohneruniversität vor allem die Gefühle hervorgerufen „Wir sind nicht allein mit unseren Problemen" und „Es ist möglich Dinge zu verändern". „Inspiration" und „Motivation" waren die wesentlichsten Aspekte, die die Teilnehmer mitgenommen haben. Das geschah auf unterschiedlichen Ebenen. Für die einen war schon der Aspekt, im Ausland zu sein, in einer Universität, auf einer Konferenz, zusammen mit Menschen in ähnlichen Lebenssituationen stärkend für das eigene Selbstbewusstsein als Mensch und als Bürger, andere verabredeten zukünftige Treffen mit anderen Bewohnern oder diskutierten mit Fachleuten darüber, wie die Zukunft der Stadt und in den Quartieren aussehen könnte. Die Fachleute waren erstaunt über die enorme Kenntnis und den großen Aktivismus, die sie unter den Teilnehmern der Bewohneruniversität antrafen. Einige waren irritiert, weil sie es nicht gewöhnt waren, die Stimme von Bewohnern in dieser Form, auf einer derartigen Veranstaltung zu hören. Vielleicht ist es gerade diese Irritation, die sie brauchen, um in ihrem Arbeitsleben auf eine andere Art mit Bewohnern umzugehen und offener gegenüber aktiven Bewohnern zu sein, die vielleicht auch auf ungewöhnlicher Art etwas für ihr Quartier erreichen wollen. Die Anwesenheit der niederländischen Ministerin Dekker zeigt, dass die Politik bei ihrer Suche nach einer Zukunft der Stadterneuerung interessiert in derartige, von unten getragene Strukturen und in die Erfahrungen und Kenntnisse von Bürgern in Stadterneuerungsgebieten ist. Die Bewohneruniversität hat gezeigt, welch ein großes Bewegungspotential unter aktiven Bewohnern vorhanden ist und, dass ein gegenseitiger Austausch eine enorme Energie freisetzt. In der Zukunft will R4R das Netzwerk an Bewohnern und Bewohnerorganisationen ausbauen, den gegenseitigen Austausch weiter fördern, vertiefende Workshops zu Fragen der Stadterneuerung veranstalten und auch im nächsten Jahr eine Bewohneruniversität organisieren.

R4R-Europe ist kein statisches Bündnis von Bewohnerorganisationen, sondern ein Netzwerk, zu dem immer wieder neue aktive Bewohner(gruppen) dazustoßen, das aber sicher auch einige andere wieder verlassen werden. Selbst ob die Organisation R4R-Europe in dieser Form in fünf Jahren noch existiert, ist ungewiss. Vielleicht ist das aber auch gar nicht so wichtig. Wichtig ist vor allem, dass es jetzt Menschen zusammenbringt, sie motiviert, inspiriert und voneinander lernen lässt und Fachleute erkennen, dass sie in Bewohnern ein wertvolles Potential in Fragen der Zukunft der Stadt haben. R4R wird sich weiter entwickeln, vielleicht wird es in der Zukunft auch ganz andere Formen geben, in denen Menschen kommunizieren und handeln und mit denen Bewohner deutlich machen: „Bewohner machen die Stadt".

Daniela Wullers, R4R-Europe
November 2004